Wildling Abby

Tierschützer nennen Katzen, die wild aufgewachsen sind - also keine Menschen kennen gelernt haben - "Wildlinge". An dieser Stelle möchte ich unsere Erfahrungen mit so einer Katze schildern, die wir von einem Katzenschutzverein übernommen haben. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur noch Lucy und wir wollten wir eine etwa gleichaltige Katze zur Gesellschaft. Leider kam alles anders, als gedacht. Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, dass Katzen aus Tierheimen prinzipiell ein Problem sind - aber ich empfehle sehr, die Katze ganz genau anzuschauen, sie anzufassen und mit ihr zu spielen, sonst kann es Überraschungen geben. Uns wurde gesagt, die Katze wäre sehr scheu, also stellte ich mich auf eine längere Eingewöhnungsphase ein. Aber mit langjähriger Katzenerfahrung war ich doch zuversichtlich, das Problem in den Griff zu bekommen. Leider ist das aber auch nach 2 1/2 Jahren nicht der Fall. Diese Katze hat wohl noch nie Kontakt zu Menschen gehabt.

Abby 2017 Abby kam im Oktober 2017 zu uns. Sie ist eine dreifarbige Glückskatze und sehr hübsch. Wir hatten einen Raum im Untergeschoss für sie hergerichtet, damit sie erst mal ihre Ruhe hatte und sich eingewöhnen konnte. Sehr bald hat sie eine Decke unter einem Bett zu ihrem Lieblingsplatz gemacht. Nur: sie hatte extreme Angst vor Menschen und ließ sich nicht anfassen. Sie war wohl von älteren Leuten gefüttert worden, aber ob sie dort auch ins Haus durfte oder gestreichelt wurde, habe ich nicht erfahren können - ich glaube es aber nicht.

Mit dem Fressen hatte sie kein Problem, allerdings haben wir schnell festgestellt, dass sie nichts kennengelernt hat - kein Leckerchen, kein Spielzeug. Mit so einer Katze ist es natürlich schwierig zu kommunizieren, weil man ihr nichts anbieten kann. Ich habe vorsichtig versucht, mich ihr zu nähern. Dazu bin ich nach dem Füttern in der Nähe geblieben - im Abstand von 5-6 m. Und sie kam normalerweise auch nach kurzer Zeit (2-5 Min.) unter dem Bett hervor, schaute ob ich da bin und ging fressen. Im Anfang gaaanz vorsichtig, schleichend und Pfötchen für Pfötchen. Ich erzählte ihr, dass sie eine schöne Katze sei und zwinkerte ihr zu. Irgendwann ist sie tatsächlich ein paar Mal auf mich zugekommen, näherte sich bis auf ca. 1,5 m. Aber leider hörte das dann wieder auf. Sie war an mir nicht interessiert.

Mitte Mai 2018 sah es so aus: sie kommt unter dem Bett hervor, schaut von weitem ob ich da bin, frisst, schaut den Vögeln auf dem Rasen zu und verschwindet nach ein paar Minuten wieder unter dem Bett. Während des Fressens ist sie sehr nervös und sieht immer zu mir hin.

Leider empfand Lucy die Neue als Eindringling, als Vorbild für Abby war sie somit gänzlich ungeeignet. Ich habe daher lieber dafür gesorgt, dass Lucy Abby nicht angreifen oder anfauchen konnte. Als ich den Eindruck hatte, dass Abby keinen Fortschritt mehr macht, also nicht zutraulicher wird, sondern sich immer mehr zurückzieht, wollte ich ihr mehr Freiraum geben. Auch weil sie immer öfter miaute und ganz offensichtlich raus wollte. Immerhin hatte sie jetzt schon seit ungefähr elf Monaten keinen Freigang mehr genossen und für eine Katze, die wahrscheinlich immer im Freien gelebt hat, musste das ja ewig sein.

Abby wetzt ihre Krallen Also habe ich ihr so um Pfingsten herum, als die kälteste Zeit vorbei war, Abends die Terassentüre aufgelassen und sie hat die Gelegenheit ergriffen. Natürlich habe ich ihr eine Futterstelle eingerichtet und auch einen großen Karton mit einer Decke hingestellt. Erst nach fünf Tagen habe ich sie wiedergesehen. Sie war gerade mit Fressen fertig, als ich zufällig in ihr altes "Wohnzimmer" kam. Und da stand sie - schaute mich durch die Terassentüre an und zwinkerte mir zu. Ich war natürlich hin und weg und sehr froh, dass sie doch noch in der Nähe und gesund war. Bald habe ich dann herausgefunden, dass sie bei unseren Nachbarn auf dem Balkon schlief. Die waren - als eine der Wenigen in unserer Straße katzen- und hundelos - und glücklicherweise so nett, Abby Asyl zu gewähren. Ich habe also eine Kiste mit einem Bettüberzug zur Verfügung gestellt und diese benutzt Abby seitdem gerne.

Abby beim Fressen 2020 Dann habe ich versucht, Abby an regelmäßige Mahlzeiten zu gewöhnen. Das war schwierig, weil ein halbstarker Kater aus der Nachbarschaft fand, dass das Futter sein Eigentum war. Einfach mehr zu füttern ging nicht, weil er das Futter verteidigt und Abby vertrieben hat, auch wenn er satt war. Es hat den ganzen Sommer über gedauert, aber irgendwann hat sich Abby dann doch noch durchgesetzt. Wir haben noch ein paar andere Futterplätze ausprobiert und inzwischen klappt das ganz gut. Dies bedeutet: Abby kommt vorbei, wenn sie Hunger hat und wartet in einer Ecke, dass jemand füttern kommt. Das kann morgens, mittags oder abends sein - oder auch mal gar nicht. Es steht immer Trockenfutter bereit, das scheinbar alle Katzen aus der Nachbarschaft lecker finden, aber was soll's. Einmal am Tag bekommt sie Katzenmilch und Feuchtfutter, das frißt sie dann auch sofort. Da sie ansonsten keine Leckerchen mag, gebe ich ihr manchmal zusätzlich gekochtes Huhn oder Thunfisch.

Abby in Hütte Für den Winter habe ich eine Hütte gebaut und regensicher auf unserer Terasse untergebracht. Ich habe Abby aber nur wenige Mal darin verschwinden sehen. An einer anderen Stelle hat sie auch noch eine Plastikkiste, ebenfalls wind- und regengeschützt aufgestellt. Aber auch diese hat sie nur ein paar Mal ausprobiert. Mir ist nicht klar, was das Problem mit den Hütten ist, aber glücklicherweise waren die letzten beiden Winter recht warm.

Abby ist immer noch sehr scheu, allerdings kann man inzwischen auch mal mit ca. 70 cm Abstand an ihr vorbei gehen, wenn sie frißt - ohne, dass sie gleich wegläuft. Wenn sie wegläuft, dann hält sie zwei Meter Abstand, kein Vergleich zu der Zeit, als sie bei uns einzog. Mit Lucy hat sie inzwischen Waffenstillstand geschlossen, auch wenn es keine große Freundschaft ist. Angefasst habe ich meine Katze noch nie, und weiß auch nicht, ob das irgendwann klappt. Dass sie nicht sozialisiert wurde, merkt man beispielsweise daran, dass sie auf Ansprache überhaupt nicht reagiert. Man könnte meinen, die Katze wäre taub - sie schaut nicht auf und bewegt auch ihre Öhrchen nicht. Es ist also nicht so, dass sie Menschen ignoriert - sie nimmt sie einfach nicht wahr. Abby 2020

Trotzdem spreche ich weiterhin mit ihr, vielleicht versteht sie ja eines Tages doch noch, dass sie "Abby" heißt. Ansonsten kümmern wir uns gerne um sie, auch sie ist Teil der Familie und wird vermisst, wenn mal nicht zum Fressen kommt. Mein Fazit ist: ich habe mir sicher keinen Wildling gewünscht, aber auch diese Katze braucht ein liebevolles Zuhause.